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Mein Weg raus aus dem Nationalismus

  • Writer: Volodymyr Diachenko
    Volodymyr Diachenko
  • Jan 14
  • 4 min read

Als ich 7 war, ist mein Stiefvater zum Krieg gegangen. Ich habe gelernt, „ein echter Mann“ verteidigt seine Familie. Von ihm lernte ich auch nicht wörtlich, dass die Frau genauso viel Stimme wie der Mann hat. Bei uns war demokratisch und ich war tiefst dankbar, dass ich diese Familienkonstellation hatte. Ich hatte meinen Stiefvater als Vorbild und habe auch vieles von meiner Mutter gelernt, Einstellungen zu Frauen, nämlich: Frau ist ein Mensch und muss gleichberechtigt werden. Frauen sollen nicht sexualisiert werden, was ich früher von meinen Sportlern Freunden gehört habe. Bis heute merke ich mir den Satz von einem damaligen Freund, „Frauen sind nur zum …“ Ich habe meine Familie nie kritisch hinterfragt, aber ich sehe den Widerspruch zwischen der gelebten Demokratie zuhause und wie ich mich politisch entwickelt habe.


Ich war früher rechts Nationalist, wie der Mussolini-italienischer oder Franko-spanischer Faschismus. Das widersprach die Gleichberechtigung zuhause, aber es war kurz vorm Krieg. Eigentlich hat es 2020 begonnen. Ich hatte großes Interesse an Geschichte und habe von der Ukrainische Revolution 2014 erfahren, wie Yanukovych fliehen musste. Diese Welle der Freiheit hat mich in die Geschichte genommen und durch die Geschichte kam ich zu rechteren Einstellungen und strengstem Konservatismus. Ich wollte mich von Russland distanzieren und „das eigene“ widerrufen: die Herstellung von ethnischen Grenzen. Die Wiedereinführung der Monarchie. Die Einführung von ukrainischen Nachnamen. Ich war auch LGBTQ+ feindlich. Islamfeindlich. Das Ziel war, die Ukraine „ukrainischer“ zu machen. So habe ich meine Rolle als Mann empfunden.


Als Mann musste ich die Ukraine verteidigen, im Zweifelsfall im Krieg kämpfen. Stark sein und Heimat verteidigen. Das unterstütze ich heute nicht.


2021 wurde ich zum Christen, was mich erst noch konservativer gemacht hat. Meine Einstellung zu homosexuellen Menschen wurde noch krasser. Ich habe das als unbiologisch bezeichnet, von Gott nicht gewollt. Meine Idee war, besser wäre, wenn alle nicht mehr schwul wären. Meine Einstellung zu Islam wurde auch kritischer.


2024 war ich aber nicht mehr Nationalist. Ich wurde in eine sehr diverse Regelklasse eingeschult, wo keiner einen hasste. Menschen mit den unterschiedlichsten Identitäten und Glaubensrichtungen sind miteinander umgegangen. Es war nur für mich nicht komisch, sondern der Untergang der nationalen Welt. Ich habe ein paar Videos von selbst bezeichneten Sozialnationalisten gesehen – es war undemokratisch und antisemitisch. Stimmenrecht sollte nach Bildung aufgeteilt werden – wer besser gebildet oder reicher ist, sollte mehr Stimmen kriegen. So krass war ich damals nicht, was mich zum Nachdenken brachte. Irgendwann danach kam ich auf ein antisemitisches Video von Nationalisten, ich schaffte keine 5 Minuten. Ich habe mir gedacht, irgendwie stimmt was mit Nationalismus nicht. Ich habe mich als Patriot empfunden und lies über die anderen rechten europäischen Parteien. Die waren alle cringe. Ich konnte ihre Ideen nicht teilen. Die Positionen widersprachen meine Realität. Außerdem habe ich durch mein neues Glauben „Nächstenliebe“ gelernt, Liebe für jeden nächsten, nicht nur Leute wie ich. Ohne aber.


Unsere Klasse ist sehr bunt. Deutsche, Yezidische, Türkische, Kurdische, sonst mehrsprachige Kinder, die gut miteinander kommen. Ich kannte meine alten Gedanken nicht mehr – meine Realität war ein Widerspruch. Mein bester Freund hat sich 2020 zu mir geoutet. Ich habe ihn erst abgelehnt und mit den anderen Kindern gemobbt. 2022 kam Krieg und er ist in der Ukraine geblieben. Ich habe ihn nicht mehr gemobbt aber hasste immer noch, dass er schwul war. Irgendwann im Herbst 2023 merkte ich, LGBTQ Menschen wollen ihr Leben leben, genauso wie die Ukrainer ihre Leben selbstbestimmen wollen. Ich habe auch gesehen, dass queere Menschen einfach Menschen sind.


Zu diesem Zeitpunkt in meiner neuen Klasse hatte ich das erste Mal einen queeren Lehrer. Es hat mich zuerst überrascht. Er hat uns alle leben lassen und ich wie ich sein wollte. Das brachte mich zum Nachdenken, warum ich andere Menschen was aufzwingen möchte. Queere Menschen kämpfen nur für ihre Rechte, Gleichberechtigung, nicht gegen meine Rechte. Wenn ich für Menschen bin, soll ich auch für Menschenrechte stehen. 2023 habe ich mich bei meinem Freund entschuldigt und jetzt unterstütze ich queere Menschen, und setze mich ein, wenn Feindlichkeit sich in meinem Umfeld äußert. Es war nicht ok, was ich geglaubt habe, und ich vertrete dieser Meinung nicht. Nächstes Jahr werde ich sicherlich CSD besuchen. Die Gruppe Schwule 50+ in Bielefeld hat mich sogar eingeladen, einen Text über ihr Treff zu schreiben. Ich freue mich, dass ich jetzt alliert mit diesem Community bin.  


Ich liebe mein Vaterland, was nicht bedeutet, dass ich andere hasse oder andere Menschen anfeinde. Mein Leben in Deutschland hat meine früher begrenzten Gedanken geöffnet. Für mich kann meine Heimat auch eine Heimat für alle sein, nicht nur die, die einen ähnlichen Nachnamen tragen. Ich bin immer noch dankbar an den Soldaten, die die Ukraine verteidigen – ich bin tiefst dankbar. Aber ich sehe meinen Beitrag anders. Obwohl ich mich beim Wehrdienst nicht verweigern würde, würde ich lieber ins Freiwilligendienst. Und ich bin klar für Frieden. Ich kritisiere nicht, dass die Ukraine Menschen mobilisieren muss, aber ich hoffe sehr auf einen Frieden, ohne die Kapitulation von der Ukraine. Als ich 15 war, wollte ich mit 18 als Freiwilliger zum Krieg gehen, aber ich bin in Deutschland geblieben. Ich kämpfe mit Schrift. Ich habe mehr Möglichkeiten in Deutschland und kann als Journalist was für Demokratie beitragen.


Zurück zum Anfang: Verteidigung der Familie. Familie ist viel breiter als nur die Menschen zuhause. Da sind alle Menschen, die einem wichtig sind. Meine Klassenkameraden sind mir wichtig. Meine Lehrer sind mir wichtig. Meine Freunde sind mir wichtig. Und die können alle unterschiedlich sein. Man muss sich manchmal verteidigen, aber wir müssen miteinander demokratisch umgehen und alle Menschen berücksichtigen, was ich früher zuhause gelernt habe.  

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