Mein Weg raus aus dem Nationalismus
- Volodymyr Diachenko

- Jan 5
- 7 min read
Updated: 4 hours ago
Als ich 7 war, ist mein Stiefvater zum Krieg gegangen. Ich habe gelernt, „ein echter Mann“ verteidigt seine Familie. Von ihm lernte ich auch nicht wörtlich, dass die Stimme der Frau genauso viel wie die des Mannes bedeutet. Bei uns war es demokratisch und ich war tiefst dankbar, dass ich diese Familienkonstellation hatte. Ich hatte meinen Stiefvater als Vorbild und habe auch vieles von meiner Mutter gelernt, Einstellungen zu Frauen, nämlich: Frau ist ein Mensch und muss gleichberechtigt werden. Frauen sollen nicht sexualisiert werden, was ich früher von meinen Freunden aus der Sportwelt gehört habe.
Bis heute merke ich mir den Satz von einem damaligen Freund, „diese Mädels sind nur zum …“. Er sagte das über zwei Mädchen aus unserem Rennradfahrerteam, die er nicht gemocht hat. Die Sportler in der Ukraine waren zu dem Zeitpunkt meist konservativ, nicht zuletzt, weil die meisten Trainer in der Ukraine 60+ sind, und Sportler sind sehr stark aneinander gebunden. Man ist also oft in einer extrem konservativen Blase, wo nicht viel Gutes über Frauen und LGBTQ+ gesagt wird. Ich habe damals über den Satz nicht viel nachgedacht.
Ich war früher rechts und Nationalist, ich glaube, dass mir damals der Franko-spanische Faschismus gefallen hätte. Das widersprach der Gleichberechtigung zuhause, und es war kurz vor dem Krieg. Eigentlich hat es 2020 begonnen. Ich hatte großes Interesse an Geschichte und habe von der Ukrainische Revolution 2014 erfahren, wie Yanukovych auf dem Maydan gestürzt wurde. Diese Welle der Freiheit hat mich in die Geschichte genommen und durch die Geschichte kam ich zu rechteren Einstellungen und strengstem Konservatismus. Ich wollte mich von Russland distanzieren und „das eigene“ widerrufen: die Herstellung von ethnischen Grenzen.
Die russifizierten Nachnamen wieder zu ukrainisieren. Das Russische Reich und insbesondere die Sowjetunion hat viele ukrainische Nachnamen russifiziert (aus imperialistischem Gedanke). So wurde zum Beispiel der ukrainische Nachname Koval was auf ukrainisch Schmied bedeutet zum Kovaliov, wobei das Wort „Koval“ existiert, im russischen nicht im russischen heißt Schmied: Kuzniets. Das war reine Staatspolitik, um Ukrainer zu russifizieren.
Ich war auch LGBTQ+ feindlich. Islamfeindlich. Das Ziel war, die Ukraine „ukrainischer“ zu machen. Ich war nicht unbedingt gegen andere nationale und religiöse Minderheiten, nur der russischsprachigen Minderheit gegenüber. Es gibt ukrainische Bürger, die von Nationalität her Russen sind. Es gibt aber auch eine russischsprachige Minderheit, also Ukrainer, die Russisch als Muttersprache haben. Von diesen drei russischsprachigen Gruppen ist die größte Gruppe Ukrainer, die Ukrainisch als Muttersprache haben, aber in ihrem Alltag und in der Familie Russisch nutzten.
Das, was vielleicht auch gesagt werden muss: obwohl Ukrainisch die einzige Amtssprache ist und die meisten in der Ukraine Ukrainisch sprechen (~70%), hat all die Jahre bis zum Jahr 2022 Russisch komplett dominiert, in Medien, im Fernsehen, in Zeitungen, in Kinos, in Sport (heute immer noch), in Restaurants, in Dokumenten, im YouTube, in Kirche, auf der Straße, auf dem Schulhof und im Umfeld. Man könnte ganz im Ernst für dumm erklärt, gehalten oder ausgelacht werden dafür, dass man Ukrainisch spricht. Das fand ich nicht okay.
Ich wurde in meiner Heimat für dumm und ungebildet erklärt, nur weil ich die Sprache meiner Heimat gesprochen hat. Und jetzt verstehe ich natürlich, dass es nicht okay ist, die ganze Gruppe unter ein Kamm zu scheren und dieser Gruppe feindlich gegenüber zu sein, nur weil manche Menschen aus dieser Gruppe sich nicht benehmen können, meine Position ist: Ich bin Ukrainer meine, Muttersprache ist Ukrainisch und ich will in meiner Heimat Dienstleistungen, Medien etc. auf Ukrainisch bekommen. Aber, es darf natürlich Medien, Serien etc. auf Sprachen der Minderheiten geben und es muss auch staatliche Förderung der Kultur, Sprachen und Identität der Minderheiten, besonders deren, die keinen eigenen Nationalstaat haben.
Den Schutz der Minderheitensprachen und der Minderheiten insgesamt finde ich wichtig und der liegt mir am Herzen.
Als Mann müsste ich die Ukraine verteidigen, im Zweifelsfall im Krieg kämpfen. Stark sein und Heimat verteidigen. Aber jetzt habe ich große Bildungschancen und Aufstiegschancen in Deutschland und will was daraus machen. Vielleicht wenn es in der Schule nicht so gut laufen würde, wäre ich schon in ukrainischen Feldern mit einem Gewehr in der Hand. Ich liebe ich meine erste Heimat Ukraine und auch meine zweite Heimat Deutschland.
2021 wurde ich zum Christen, was mich erst noch konservativer gemacht hat. Meine Einstellung zu homosexuellen Menschen wurde noch krasser. Ich habe das als unbiologisch bezeichnet, von Gott nicht gewollt. Meine Idee war, besser wäre, wenn alle nicht mehr schwul wären. Meine Einstellung zu Islam wurde auch feindlich.
2024 war ich aber nicht mehr Nationalist. Ich wurde in eine sehr diverse Regelklasse eingeschult, wo keiner einen hasste. Menschen mit den unterschiedlichsten Identitäten und Glaubensrichtungen sind miteinander umgegangen. Es war für mich nicht nur komisch, sondern der Untergang der nationalen Welt. Ich habe ein paar Videos von Sozialnationalisten gesehen – es war undemokratisch und antisemitisch. Stimmenrecht sollte nach Bildung aufgeteilt werden – wer besser gebildet oder reicher ist, sollte mehr Stimmen kriegen. So krass war ich nicht und bin es auch heute nicht, das war mir definitiv zu viel, was mich zum Nachdenken brachte. Irgendwann danach kam ich auf ein antisemitisches Video von einer Nationalistin (Sozialnationalistin), das war „über die Geschichte der ukrainisch-jüdischen Verhältnissen und Beziehungen“, ich schaffte nur 5 Minuten. Irgendwie super krass war es nicht, es wurde zu keinem Holocaust aufgerufen, aber irgendwie war das für mich trotzdem zu viel. Ich habe mir gedacht, dass auch WENN das alles, was in dem Video erzählt wurde, gestimmt hätte ist es immer noch kein Grund auf alle Jüdinnen und Juden die Schuld zu schieben und sie deswegen zu hassen. Ich habe mir gedacht, irgendwie stimmt was mit diesen Neo-Nationalisten nicht.
Eigentlich gibt es einen Haufen von Strömungen im „ukrainischen Nationalismus“, von strengen Sozialnationalisten bis hin zu relativ gemäßigten Nationalliberalen. Jetzt mache ich einen kurzen Überblick von Strömungen des „ukrainischen Nationalismus“
Sozialnationalisten: Die Hardliner, ihrer Partei „Freiheit“ dürfen nur ethnische Ukrainer, Christen und die, die nie Mitglied in der Kommunistischen Partei waren beitreten. Sie wollen zum Beispiel Wiedereinführung der Spalte Nationalität in Pässen. Wie werden sie das herausfinden? Warum wollen sie meine Nationalität/Ethnie wissen? Sie haben Fackelzüge in ihrer Parteiuniform für ihre Jugend organisiert, antisemitische Aussagen getroffen und antisemitische Videos gemacht (nicht alle Mitglieder haben das gemacht aber schon viele) und ukrainische Nationalisten Freiheitskämpfer von 1917 bis 1959 verherrlicht.
Dennoch sind nicht alle, die heutzutage die ukrainischen Freiheitskämpfer von 1917 bis 1959 ehren, Sozialnationalisten. Die meisten Menschen, die die ukrainischen Freiheitskämpfer ehren haben meistens mit ukrainischen Rechtsextremen nichts zu tun, sind auch meistens keine Nationalisten.
Eine der kleinsten Strömungen des ukrainischen Nationalismus sind (ich würde sie so nennen) die Orthodox-Nationalisten. Sie basieren allein nur auf der Liebe zur ukrainischen Geschichte und der Ehrung von Kosaken und ukrainischen Nationalisten und Freiheitskämpfern von 1917 bis 1959.
Noch eine kleine Strömung sind ukrainische Neo-Heiden. Nicht alle ukrainische Neo-Heiden sind Nationalisten aber manche schon. Sie können relativ liberal sein, aber es gibt eine Minderheit zwischen den, die an die Stärke der Natur Blut und Ahnen glauben und verstehen ihr Neo-Heidentum als die Rückkehr zu Religion der Vorfahren.
Und eine große Strömung sind die Nationalliberalen. Sie wollen meistens eine ukraine-zentristische Außenpolitik, die sich nur um Interessen der Ukraine kümmert. Sie unterstützen die Marktwirtschaft und sind feindlich gegenüber dem Sozialismus und Kommunismus. Sie sind überwiegend sekular und manchmal sogar kritisch gegenüber der Kirche, wollen einen sekularen Staat. Sie unterstützen oft queere Menschen und sind tolerant zu religiosen und nationalen Minderheiten (wollen aber meist, dass ukrainische Sprache, Kultur und Identität im ukrainischen Staat dominieren). Sie wollen auch, dass der Staat eine starke und kriegstüchtige Armee (oft auch mit Wehrpflicht), dass der Staat die ukrainische Sprache, Kultur und Geschichte befördert. Außerdem sind sie recht negativ gegenüber Russland, was aber kein generelles Merkmal nur der Nationalisten ist, sondern generell die Einstellung meister Ukrainerinnen und Ukrainer.
Ich habe mich als Patriot empfunden und lies über die anderen rechten europäischen Parteien. Die waren alle cringe. Ich konnte ihre Ideen nicht teilen. Also zuerst fand ich scheiße, dass sie alle Russland lieben und verherrlichen, das ist doch kein Patriotismus ein Land zu lieben, das die ganze Europa bedroht. Seit wann ist die Liebe zum Kreml patriotisch geworden? Die Positionen widersprachen meiner Realität. Außerdem habe ich durch meinen neuen Glauben „Nächstenliebe“ gelernt, Liebe für jeden nächsten, nicht nur Leute wie ich. Ohne aber und oder.
Unsere Klasse ist sehr bunt. Deutsch-, jesidisch-, türkische-, kurdisch-, griechisch-, polnisch-, serbisch und mehr stämmige Kinder/Jugendliche, die gut miteinander kommen. Was natürlich einem völkischen Denken widerspricht.
Mein bester Freund hat sich 2020 zu mir geoutet. Ich habe ihn erst abgelehnt und mit den anderen Freunden gemobbt. 2022 kam der (große) Krieg (der begrentzte ist je noch 2014 begonnen) und er ist in der Ukraine geblieben. Ich habe ihn nicht mehr gemobbt hasste aber immer noch, dass er schwul war (ihn selbst nicht). Irgendwann im Herbst 2023 merkte ich, LGBTQ Menschen wollen ihr Leben leben, genauso wie die Ukrainer ihre Leben selbstbestimmen wollen. Ich habe auch gesehen, dass queere Menschen einfach Menschen sind.
Zu diesem Zeitpunkt in meiner neuen Klasse hatte ich das erste Mal einen queeren Lehrer. Es hat mich zuerst überrascht. Er hat uns alle leben lassen und ich wie ich sein wollte. Das brachte mich zum Nachdenken, warum ich anderen Menschen was aufzwingen möchte. Ich wollte mich mit dem Thema besser auseinander setzen aber wirklich viel habe ich darüber nicht nachgedacht. Queere Menschen kämpfen nur für ihre Rechte, Gleichberechtigung, nicht gegen meine Rechte. Wenn ich für Menschenrechte bin, soll ich auch für Menschenrechte aller stehen. 2023 habe ich mich bei meinem Freund entschuldigt und jetzt unterstütze ich queere Menschen, und setze mich ein, wenn Feindlichkeit sich in meinem Umfeld äußert. Es war nicht ok, was ich geglaubt habe, und ich vertrete dieser Meinung nicht mehr. Nächstes Jahr werde ich sicherlich CSD besuchen. Die Gruppe Schwule 50+ in Bielefeld hat mich sogar eingeladen, einen Text über ihr Treff zu schreiben. Ich freue mich, dass ich jetzt mit dieser Community alliiert bin.
Ich liebe mein Vaterland, was nicht bedeutet, dass ich andere hasse oder andere Menschen anfeinde. Mein Leben in Deutschland hat meine früher begrenzten Gedanken geöffnet. Für mich kann meine Heimat auch eine Heimat für alle sein, nicht nur die, die einen ähnlichen Nachnamen tragen. Ich bin immer noch dankbar an den Soldaten, die die Ukraine verteidigen – ich bin zutiefst dankbar. Ich würde Wehrdienst nicht verweigern, dennoch freiwillig gehe ich bisher auch nicht zum Militär, ich habe zurzeit super Chancen in Deutschland und plane Abitur zu machen. Ich kritisiere nicht, dass die Ukraine Menschen mobilisieren muss, aber ich hoffe sehr auf einen Frieden, ohne die Kapitulation der Ukraine. Als ich 15 war, wollte ich mit 18 als Freiwilliger zum Krieg gehen, aber ich bin in Deutschland geblieben.
Zurück zum Anfang: Verteidigung der Familie. Familie ist viel breiter als nur die Menschen zuhause. Da sind alle Menschen, die einem wichtig sind. Meine Klassenkameraden sind mir wichtig. Meine Lehrer sind mir wichtig. Meine Freunde sind mir wichtig. Und die können alle unterschiedlich sein. Man muss sich natürlich verteidigen können, aber wir müssen miteinander demokratisch umgehen und Meinung und Rechte aller Menschen berücksichtigen, was ich früher zuhause gelernt habe.
Allerdings erlebe ich zurzeit eine Identitätskrise. Die Identität eines Nationalisten ist weg aber was soll ich stattdessen ausleben? Bin ich jetzt ein überzeugter Protestant? Liberaler? Konservativer? Reichen mir alle irgendwie nicht aus. Aber Menschen hassen will ich nicht.
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